Gehörlose in Kap Verde/Afrika 2016

Für die Weihnachtsferien 2014/15 hatten wir uns als Ziel die Kapverdischen Inseln ausgesucht. Frühere portugiesische Kolonie, seit 1975 ein eigenständiger Staat, Cabo Verde. Bestehend aus neun Inseln, mitten im Atlantik, 500 km westlich des Senegal. Barbara machte sich gleich daran zu recherchieren, wo man dort gehörlose Menschen treffen kann. Und sie stieß auf einen Verein zur Förderung gehörloser Kinder!

Der Rezeptionist unserer kleinen Pension in der Hauptstadt Praia half uns, dort einen Gesprächstermin zu verabreden. (Leider kann ich, Britta, kein Portugiesisch!) Als wir beim Vereinsheim ankamen, hatten wir Glück: Ein gehörloser junger Mann war mit seiner Mutter dort, die hatte in Frankreich studiert, und mit ihrer Hilfe konnten wir uns dann auch mit der Leiterin des Vereins unterhalten: von DGS ins Französische und dann ins Protugiesische und wieder zurück. Drei Stunden waren wir dort und erfuhren viel über die Situation gehörloser Kinder auf Cabo Verde. Unter anderem, dass es in der Nähe des Vereins eine Schule gibt, an der sie in zwei Klassen unterrichtet werden. Ein Unterstützerverein aus Portugal hatte einen Kleinbus gespendet, mit dem die Kinder, die weiter weg wohnten, von zu Hause abgeholt werden konnten. Nur Kinder aus dem Süden der Insel Santiago konnten so beschult werden. Für alle anderen war es zu weit. Und auch auf den anderen Inseln des Staates gab es keine Schulen, in denen man auf die Bedürfnisse gehörloser Kinder eingehen konnte.

Am letzten Tag unseres Urlaubs, dem zweiten Tag nach den Weihnachtsferien,  besuchten wir dann die Schule. Das war für alle eine große Überraschung: zwei weiße Frauen, eine davon gehörlos, interessierten sich für die gehörlosen Kinder! In den Klassen unterrichteten Lehrerinnen und Mütter, aber auch eine taube Gebärdensprachdozentin, Helena. Mit ihr konnten wir in International Sign am besten kommunizieren.

Die kleineren Kinder der Klasse waren erst seit September in der Schule. Alle konnten aber schon das Fingeralphabet, die Wochentage und Monate, und gebärdeten lebhaft. Fast kein Kind hatte Hörgeräte. CIs sind vermutlich unbekannt auf den Kapverden, so dass es selbstverständlich war, dass die Kinder Gebärdensprache benutzten. Barbara kam mit allen ins Gespräch und übernahm in der Klasse der größeren Schüler auch gleich den Unterricht – in Gebärden kann man den Verdauungsprozess des Menschen wunderbar erklären J. Ein größeres Mädchen konnte dem Ganzen nicht gut folgen, und es stellte sich heraus, dass ihre Brille kaputt war. Der Vater war gerade gestorben, die Familie hatte kein Geld. Barbara zückte sofort ihr Portmonnaie und gab der  Vereinsleiterin Geld für eine neue Brille.

Die Ausstattung der Schule war sehr bescheiden. Viel Material war selbst hergestellt. Rechnen lernten die Kleinen mit Hilfe von Coladeckeln! Aber die Klassenräume waren mit viel visuellem Material sehr anregend dekoriert. Wir haben den ganzen Vormittag in der Schule verbracht und hinterher im Vereinshaus noch lange uns unterhalten. Eine ältere Schülerin kam dazu, sie ist schon auf einer weiterführenden Schule, bekommt dort aber keine besondere Unterstützung, wie z.B. Dolmetscher. Als wir sie abends bei dieser Schule treffen wollten kam sie leider nicht. Aber wer lernten ihren Mitschüler kennen, der ebenfalls taub war, und unterhielten uns mit ihm darüber, wie schwierig es ist, nur mit schriftlichem Material zu lernen.

Barbara hielt auch zuhause per Skype weiterhin Kontakt mit Helena.

Mit ihr hatten wir uns auch verabredet, als es uns zwei Jahre später, im Herbst 2016,  wieder nach Cabo Verde zog. Wir trafen sie gleich am ersten Tag und lernten dann auch Paolo kennen, der seit kurzem als Gebärdensprachdozent in einer neu eingerichteten Klasse in Assomada, einer Stadt in der Mitte der Insel Santiago, unterrichtete. Er berichtete aber, dass er schon seit einigen Monaten kein Gehalt mehr bekommt. Auch Helena verdient sehr wenig. Vermutlich fehlt beiden die Qualifikation um vom Staat als Lehrkräfte anerkannt zu werden. Dabei sind sie diejenigen, die mit den Kindern kommunizieren können und ihnen Gebärdensprache und vieles mehr beibringen können. Die Lehrerinnen sind nicht speziell ausgebildet, um hörgeschädigte Kinder zu unterrichten.

An der Schule in Praia gab es dann ein Wiedersehen mit vielen Kindern, die uns noch vom letzten Mal kannten.  Inzwischen ist die Schülerzahl angewachsen, und die Kinder werden in drei Klassen unterrichtet. Barbara hatte einen schweren Koffer mit Geschenken mitgebracht, Schulhefte, Filzstifte, auch ein brasilianisches Gebärdenbuch für Helena. Und 200 Euro, die sie in Anwesenheit des Schulleiters übergab.

An einem anderen Tag besuchten wir dann mit Helena und Paolo die Schule in Assomada. Auch ein taubblindes Mädchen war dort in der Klasse. Wir haben nur einen kurzen Einblick dort erhalten, aber unser Eindruck war, dass die Lehrerinnen nicht qualifiziert sind, dieses Mädchen gut zu fördern.

Durch Zufall entdeckten wir bei Bummeln durch Assomada eine Einrichtung für behinderte Kinder. Doch die Frau, die wir dort antrafen, sagte, sie würden vom Staat finanziert, aber es würden kaum Eltern ihre Kinder dorthin schicken.

Auch zwei taubstumme Erwachsene trafen wir auf Cabo Verde. Einer war Spülhilfe im Restaurant unserer Pension in Tarafal im Norden der Insel. Er konnte nicht gebärden, nicht lesen, schreiben oder sprechen. Sogar Barbara, die mit jedem Menschen kommunizieren kann, stieß an ihre Grenzen. In unserem Reiseführer stand etwas über eine taube Künstlerin in Mindelo auf der Insel Sao Vicente. Und zufällig fiel mir im Büro der Fluggesellschaft ein Wandteppich von ihr in die Augen. Natürlich machten wir uns gleich auf die Suche nach ihr. In einer Galerie kannte man sie, dort wirkte auch ihr Kunstlehrer. Zu zu aller Überraschung kam sie selbst auch gerade in dem Moment vorbei, als wir da waren! Aber auch sie konnte weder gebärden noch sprechen. Ihr Lehrer sagte, sie würden auch ohne Sprache klarkommen.

In einem anderen Dorf auf Santiago kamen wir mit einem Freund unseres Taxifahrers ins Gespräch. Der erzählte uns, dass in seiner Nachbarschaft ein tauber Junge wohnt, der aber nicht zur Schule geht.  Er holte ihn und seine Mutter und Schwester, und wir konnten ihnen berichten, dass ganz in der Nähe eine Klasse für gehörlose Kinder eröffnet wurde. Ach, sagte die Mutter, das sei zu teuer. Doch ein Anruf bei der Schule ergab, dass der Junge kostenlos von zuhause abgeholt werden könnte. Wir hoffen,  dass der Kleine mittlerweile auch in die Schule geht. Und fragen uns, wie viele Kinder auf Cabo Verde es noch gibt, die keine Chance auf Bildung haben.

                  Spenden für kapverdische taube Kinder



                          


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