Hochzeitserlebnis von Uwe, Juli 2014

Eure Sprache kann verzaubern

eure Sprache lebt

ihr malt Bilder in den Raum

mit Händen so flink

Gebärden so klar

doch folgen kann man euch kaum.

Nach Sprache sehnt sich das Leben

in Wort Gebärde Farbe Klang

der Dinge Stummheit durchzubrechen

ist des Menschen größter Drang.



An dieses Gedicht musste ich denken - dass ich einmal vor vielen Jahren, 2002, im Internet gelesen hatte, geschrieben von „Delfin“ – als ich vor wenigen Wochen auf einer Hochzeit von zwei jungen gehörlosen Menschen war, mit 100 Personen, davon waren 55 gehörlos und 45 hörend. 

Die Hände der Gehörlosen wirbelten umher und die Hörenden verstanden meist nicht viel; aber sie waren wie ich beeindruckt und nicht nur eine der anwesenden Mütter der nunmehr erwachsen gewordenen Kinder sagte, hätte sie das gewusst, damals, als ihr Kind noch klein war, was aus diesem Kind mal werden würde, sie hätte sich viele Sorgen sparen können.

Mir fiel nach den vielen Gesprächen und Eindrücken dieses Ereignisses ein Artikel aus „Woord en Gebaar“, einer niederländischen Gehörlosenzeitschrift ein, den ich Anfang des Jahres 2014 gelesen hatte aus der Reihe „Gehörlose und schwerhörige Jugendliche kommen zu Wort“.

Hier schreibt eine 18jährige Frau, Lisa. Sie wurde schwerhörig geboren (60 dB Hörverlust)  und ihr Hörvermögen verschlechterte sich immer weiter durch das Pendred Syndrom (jetzt 110 dB Hörverlust). Auszüge aus dem Artikel:

„Bis zur vierten Klasse bin ich zur Schwerhörigenschule gegangen. Danach bin ich in den regulären Unterricht gewechselt. Als ich 13 Jahre alt war, bekam ich ein CI da ich nicht mehr genügend hören konnte. 

Ich konnte mich aber nicht an das metallhafte Geräusch vom CI gewöhnen und trage nun doch wieder Hörgeräte.

In der weiterführenden Schule war es für mich sehr schwierig, da ich von meinen hörenden Klassenkameraden nicht akzeptiert wurde. Ich wurde immer ausgeschlossen. Wenn wir selbstständig in Gruppen arbeiten sollten, wurde ich immer als letzte gewählt und wenn es zum Sport ging waren plötzlich alle weg ohne mir zu sagen wohin es ging. Ich fühlte mich in dieser Zeit sehr einsam und dachte oft was es für einen Sinn hatte zu leben. Zuhause hatte ich zwei oder drei hörende Freunde, aber die sah ich auch nicht täglich. Mein Leben bestand fast nur aus in die Schule gehen und Hausaufgaben machen.

Ich bekam wohl viel Unterstützung durch meine Eltern. Dass mein gehörloser Bruder damals zur Gehörlosenschule ging, half mir nicht. Ich hatte in mir den starken Drang, zu beweisen, dass ich es in der hörenden Welt schaffte. Ich war damals ganz anders als heute: zurückhaltend und verschlossen. 

Da ich durch die Hintergrundgeräusche den Gesprächen in der Pause nicht gut folgen konnte, riet mir mein Integrationshelfer in einem abgesonderten Raum mich mit ausgewählten Kameraden zu unterhalten. Aber dadurch wurden meine Kontakte zu den Klassenkameraden nicht wirklich besser. Ich akzeptierte mich ja nicht einmal selber.

Ich war tief unglücklich und wollte nicht mehr in die hörende Schule weitergehen. Meine Eltern sahen das schließlich ein, aber es fiel ihnen schwer, mich gehen zu lassen. Mein Bruder war bereits im Gehörloseninternat. Als ich in diese Schule kam, fühlte ich mich gleich wie zuhause angekommen. Ich war kaum dort, da fragten mich schon die Schüler wie es mir gehe und ob ich neben ihnen sitzen wolle. Das ich noch nicht so gut gebärden konnte, war für sie kein Problem. In den ersten vier Jahren meines Lebens hatte ich zum Glück schon etwas Gebärden gelernt, weil mein Bruder gehörlos war. Es ist heute die Sprache, in der ich mich am besten ausdrücken kann. Es ist eine visuelle Sprache mit viel Mimik und Gefühl. Zuhause kommunizierten wir früher ohne Gebärden miteinander, aber meine Eltern gebärden jetzt etwas mehr, weil mein Bruder und ich das gut finden. Meine Eltern sind im Nachhinein froh mit meiner Entscheidung, in die Gehörlosenschule zu gehen. Sie sehen dass meine wirkliche Persönlichkeit stärker zum Vorschein kommt und dass ich mehr „in meinen Schuhen stehe“ und viel mehr Späße mache. Ich bin einfach mehr ich selbst geworden. 

Die Gehörlosenwelt hat mir wieder ein soziales Leben gegeben und das Gefühl einer eigenen Identität: das ich sein darf wie ich bin. Was ich manchmal nicht so gut finde, ist, dass es eine kleine Welt ist und dass Gerüchte schnell in Umlauf kommen. Dann höre ich dass der mit dem geht und die mit dem Streit hat. Das will ich alles gar nicht wissen, denke ich manchmal, aber es macht mir auch nicht so viel aus. Ich habe wohl noch ein paar hörende Freunde, aber ich sehe sie nicht so oft, weil mein Leben nun vor allem in der Gehörlosenwelt ist. 

Ich wollte immer schon schreiben. Mit sechs Jahren schrieb ich schon meine erste Geschichte. Mein Vater hat sie noch bewahrt. Wie schön. Ich schreibe auch Gedichte. Deswegen habe ich mich nach dem Schulabschluss für Journalistik eingeschrieben. Ich war Fünfte geworden von 500 Studenten, die die Zulassungsprüfung machten. Aber dann erfuhr ich dass ich doch nicht studieren durfte, weil ich gehörlos bin…

Ich will nun Kulturelle Anthropologie studieren und Soziale Wissenschaften. 

Ich finde es wichtig, dass Eltern gut überlegen, was sie für ihr gehörloses oder schwerhöriges Kind wollen. Wollen sie dass es gut sprechen kann und eine hohe Ausbildung erhält oder finden sie das Glück ihres Kindes wichtiger? Wenn du gut sprechen kannst und gute Schulresultate holst, sagt das nichts darüber aus wie du akzeptiert wirst von den hörenden Klassenkameraden. Sie werden dich immer als den Gehörlosen oder den Schlechthörenden ansehen. Auch wenn ich stark geworden bin durch die Erfahrungen im regulären Unterricht, würde ich Eltern doch raten, sich eine Gehörlosenschule anzusehen. Ich will nicht dass Kinder sich ausgeschlossen fühlen auf einer hörenden Schule.“

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