Wie stehen der Taube und der Oberarzt zueinander?, Februar 2003


                    Wie stehen der Taube und der Oberarzt zueinander?

(aus der Zeitschrift "Schnecke", Nr. 39, Februar 2003)

oberarzt


Eine Stellungnahme zum veröffentlichten Vortragsbericht

(von Liane Boy und Uwe v. Stosch)

Wenn ein Ohrenarzt versucht, über das Verhältnis zu den Gehörlosen nachzudenken, lässt das aufmerken. Dies auch deshalb, weil prominente Ohrenärzte sehr häufig eine äußerst negative Sicht von gehörlosen Menschen haben. Damals stießen wir bereits auf eine Aussage des Vorsitzenden des Berufsverbandes der HNO-Ärzte, Seifert, der geschrieben hatte, Sprache ohne Hören sei nicht denkbar und erst mit Sprache werde aus dem zweibeinigen biologischen Wesen ein Mensch. Später sagte er, das Gehör sei Grundlage des Menschseins überhaupt. So oder ähnlich äußerten sich auch andere Ohrenärzte. Claussen schrieb zum Beispiel, erst durch das Ohr werde der Mensch zum Mensch.

Interessant, welche Gedanken sich wohl derjenige macht, der weltweit der oder einer der ersten war, der gehörlose Kinder mit einem Cochlear Implant operierte, dessen Zentrum in Hannover zum weltweit größten Implantationszentrum der Welt gehört und seit seiner Pensionierung in der Welt umher reist, um auch in den anderen Ländern für eine stärkere Verbreitung des CI zu werben:


Prof. Dr. Dr. h. c. mult. E. Lehnhardt.

Lehnhardts in Polen anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde gehaltener Festvortrag wird in der Februarausgabe der "Schnecke", die von der Deutschen Cochlear Implant Gesellschaft herausgegeben wird, dokumentiert. Er betont gleich zu Beginn, Hörende und damit auch die HNO-Ärzte hätten viel zu oft Gehörlose vergessen und fügt hinzu, angesichts der massiven Kontaktschwierigkeiten mit den Gehörlosen sei es nicht verwunderlich, dass diese "sich zurückziehen" und "die Zeichensprache als das ihnen eigene Bindeglied werden." In seinen Bemühen, das "ganz Spezifische der Gehörlosigkeit zu erfassen", las Lehnhardt ein Buch von Bonnie Tucker, "The Feel of Silence" (in Deutsch unter dem Titel "Der Klang von fallendem Schnee" erschienen). In diesem Buch werde deutlich, wie sehr Gehörlose leiden, weil sie weder die Komplimente des Verehrers noch die Schreie ihres Babys hören können. Ehe man sich versieht, ist Lehnhardt schon bei seinem Thema: Dem CI.

Heute habe man das große Glück, mit dem CI auch für die gänzlich tauben Kinder ein Hineinwachsen in die Welt des Hörens und Sprechens in Aussicht stellen zu können. Und später betont er: "Das CI wurde zu den schönsten Erfahrungen für die, die nun den spätertaubten Erwachsenen und den taubgeborenen Kindern helfen konnten." Für Lehnhardt irritierend ist nur, dass das CI zum Objekt eines Konflikts mit der "Deaf Society" wurde, es sei sogar eine Konfrontation gegenüber den Otochirurgen entstanden mit zeitweilig aggressiven Aktionen der Gehörlosen. Doch hierfür weiß er eine Erklärung. Gehörlose Erwachsene haben im Gegensatz zu den Kindern und Spätertaubten nicht die Möglichkeit, mit Hilfe des Cis zu einer auditiv-verbalen Kommunikation zu kommen. Deswegen seien sie dagegen.

Lehnhardt äußerte am Schluß des Vortrags seine Vision, dass im Laufe von Jahrzehnten die Zahl der von Geburt an Gehörlosen schrumpfen würde, dann erst könne eine positive Interessengemeinschaft zwischen den Gehörlosen und den Ohrenärzten entstehen. Also, wenn es sie nicht mehr gibt, dann wird man sich gut verstehen? Alles in allem zeigt dieser Bericht, wie wenig Lehnhardt durch das Lesen des - tatsächlich lesenswerten Buches von Tucker - verstanden hat. Er, der mit seinen vielen Titeln aus luftiger Höhe argumentiert, versteht nicht, dass gehörlose Menschen einen absolut gleichen Wert haben und dass sie nicht nur ein reiches Innenleben, sondern auch ein Wissen erlangen können über die tieferen Geheimnisse des Lebens, die manch Hörendem immer verschlossen bleiben. Es ist schon mit einem Sinn verbunden, dass die Menschen nicht alle gleich auf die Erde gekommen sind, aber dieser Sinn - das offenbart Lehnhardt mit seinem Festvortrag - bleibt dem Professor verschlossen.

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