Als sich Gottes Stirn in Falten legte, November 2002

  

                        Als sich Gottes Stirn in Falten legte

Einen Menschen kann man niemals von dem Benennen des Mangels her verstehen. Auch wo ein Mangel sich offenkundig zeigt, ist das Wesen, welches ihn trägt, nicht weniger, sondern anders: d.h. von eigener, besonderer Wesensart, nicht besser und nicht schlechter, einfach anders. Dieses Anderssein ist anzunehmen. Verbleiben wir bei der Auffassung des Mangels, führt dies nie zu einem wesensgerechten Verstehen der anderen in ihrer Besonderheit, sondern sie bleibt in der Auffassung: Ich habe etwas was du nicht hast. Eine solche Auffassung ist zu sehr nur auf ein Ziel ausgerichtet: die Behebung des Mangels. (von A.R. Bodenheimer, 1969)


Als sich Gottes Stirn in Falten legte

(von Liane Boy und Uwe v. Stosch)

Vor langer, langer Zeit hatte sich Gott viel Mühe gemacht, als er die Erde erschaffen hatte, doch danach gab es viele neue Aufgaben, der Weltraum war schließlich groß, und so dachte er Jahrmillionen nicht mehr an dieses frühe Werk. Eines Tages fiel es ihm plötzlich wieder ein, und er wollte zu gerne wissen, wie sich alles auf der Erde entwickelt hatte, besonders mit den Menschen, für die er besonders viel Sorgfalt aufgebracht hatte. Er hatte aber nicht so viel Zeit, hinabzusteigen, deshalb lieh er sich einige Bücher aus, die es auf der Erde gab. Er blätterte darin, in der Hoffnung, zu erfahren, ob die Menschen mit seiner Schöpfung zufrieden waren. Eines dieser Bücher, was ihm in die Hände fiel, hieß "Das HÖR-Buch".

Gott freute sich zuerst beim Blättern, denn die Menschen schienen sich wohlzufühlen, sehr anerkennend wurde das Leben beschrieben, das er geschaffen hatte: "Vögel zwitschern in den Bäumen, ein kleiner Bach plätschert durchs Tal, deine Stiefel wandern knirschend über kleine Kiesel, ein Lachen weht durch die Luft, der Schrei eines Raben. Leises Gemurmel, irgendwo nähert sich Pferdegetrappel, Wiehern, plötzlich lauter, schneller Galopp, wieder leiser, Schritt. Niederlassen in der Wiese, Beine ausstrecken, Grillen zirpen, Hummeln brummen, eine liebe Stimme, ein freundliches Wort, fast ein Streicheln."

Gott blickte vom Buch auf, fast wollte er es weglegen und sich doch die Zeit nehmen und der Erde einen Besuch abstatten, doch dann fiel ihm ein, was alles an Aufgaben auf ihn wartete, und er verwarf diesen Gedanken und vertiefte sich wieder auf das, was ihn noch erfreuen sollte beim Lesen des Buches. Das Hörorgan wurde beschrieben, er erinnerte sich daran, wie er es damals geschaffen hatte, und wieder freute er sich, die Menschen betrachteten seine Schöpfung offensichtlich mit tiefem Respekt: "Schon die oberflächliche Betrachtung dessen, was im Ohr passiert, genügt, um gegenüber dem Wunderwerk Natur still zu werden: zu staunen, zu fragen, zu bewundern."

Beim Weiterlesen wurde es Gott dann aber plötzlich schwer ums Herz. Er las: "Es ist ein faszinierender Prozeß. Seine Betrachtung zeigt aber auch, wie dramatisch die Folgen für Kinder sind, die Hörprobleme haben oder gehörlos zur Welt kommen." Er sah, dass die Menschen in dem Buch klagten, dass einige Menschen nicht (gut) hörten und dass für sie das Leben furchtbar schwer sei. "Das Defizit von schwerhörigen oder gar gehörlosen Kindern", so stand es unheilvoll im Buch, kann man nur erahnen. Sie können sich im Raum nicht orientieren, trauen sich oft nicht, am Leben teilzunehmen, finden nur schwer Spielkameraden, werden gehänselt. Trotz normaler Begabung bleiben sie irgendwann hinter ihren Altersgenossen zurück, verhalten sich ängstlich, aggressiv, leiden unter Konzentrationsschwierigkeiten, Lese-Rechtschreibschwäche und ähnlichen Symptomen. Folgen eines riesigen körperlichen und seelischen Verlusts... Wie viel schöner hätten sie es mit einem intakten Gehör!"

Gott verstand nicht. Er hatte doch diesen Menschen andere Fähigkeiten mitgegeben, ihre übrigen Sinne geschärft, konnten sie das denn gar nicht nutzen, ihren Mitmenschen keine Freude bereiten? War das alles wirklich so traurig? Er versuchte zu verstehen und las deshalb weiter: "Sie erwachen aus dem Schlaf. Irgendetwas ist anders als sonst. Da ist ein Wimmern - von draußen. Sie nehmen Kontakt auf, ziehen sich schnell etwas über, gehen raus, finden einen Menschen, der offensichtlich unglücklich gestürzt ist." Und dann las er die sechs Wörter, die ihm die Stimmung endgültig vermiesten: "Ohne Hören wäre er allein geblieben". Er empfand das als Angriff gegen sich, als ob er etwas falsch gemacht hatte, damals, und als ob es diese Menschen, die er genauso liebte wie alle anderen und die Wege und Möglichkeiten finden können wie jeder andere Mensch auch, den anderen alleine oder eben nicht alleine zu lassen, als ob es sie besser gar nicht geben sollte.

Er las weiter, was die Menschen alles taten, damit die Menschen, die nicht (gut) hören können, wieder hören können. "Es gibt heutzutage Hörbrillen, Gehörgangsgeräte, implantierbare Hörgeräte, Cochlear-Implantate und weitere Speziallösungen - sie garantieren immer mehr maximale Klangvielfalt und -qualität. Die Technik kommt dem natürlichen Hören immer näher. HNO-Ärzte und Akustiker sind mit aller Erfahrung, viel Einfühlungsvermögen und neuester Technologie gerne für die Menschen mit Hörproblemen da."

Ein bisschen schien es Gott so, als ob aus den Zeilen etwas viel Selbstlob herausschaute, und als er dann zurückblätterte und las, dass Menschen ohne Hören keinen Zugang zur Gefühlswelt haben und schließlich den Satz las: "Wenn wir aufhören zu hören, hören wir auf zu sein", legte er verärgert das Buch zur Seite, nahm sein Fernrohr und suchte sich eine Familie mit einem gehörlosen Kind. Es dauerte eine Weile, bis er eine solche Familie fand. Als er dort zum Küchenfenster hineinschaute, sah er ein Kind im Kreis seiner Familie vergnügt mit ihren Händen sprechen und es erstaunte ihn, zu sehen, dass auch der hörende Opa sich mit Gebärden verständlich machen konnte. Ihm fiel die heitere und gelassene Atmosphäre auf, er schaute eine ganze Zeit lang dem Treiben zu. Schließlich richtete er sein Fernrohr in das Arbeitszimmer, dort sah er die Mutter des Kindes, die über einem Blatt Papier vertieft war. Gerade schrieb sie den folgenden Satz: "Es ist immer wieder schön zu sehen, wie glücklich und lebensfroh unsere Tochter geworden ist. Sie ist der Mittelpunkt unserer Familie."

Ein letztes Mal sah er all die freundlichen Gesichter in der Küche und legte beruhigt sein Fernrohr zur Seite, blickte noch einmal kopfschüttelnd zu dem düsteren Buch und wandte sich wieder wichtigen Dingen im Weltraum zu.

(Die Zitate sind aus dem folgenden Buch: Das HÖR Buch, hrsg. von Pro Akustik Hörakustiker GmbH & Co. KG, Hannover, 2000.)

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