Nur so dahingesagt... , April 2005


                                     Nur so dahin gesagt....

Anja Hiddinga, Mutter von zwei gehörlosen Kindern, NL , (Dritter Teil)

Ich lehne das CI nicht ab. (Anja Hiddinga schreibt dies als Antwort auf Aukje Bijlsma, die im Erwachsenenalter ertaubt ist und im Briefwechsel mit Anja darüber nachdenkt, sich ein CI einsetzen zu lassen. Sie schreibt, dass Anja in einem vorangegangenen Brief zu negativ über das CI geschrieben habe). Mich stört nur, dass manche Ärzte einfach so glauben, dass das CI eine Lösung sei. Eine Lösung wofür? Manche Ärzte neigen dazu, das alles eindimensional zu sehen (bei dir ist etwas kaputt, das muss geflickt werden und wir haben da etwas im Angebot). Für viele Menschen ist ihr Gehör nach der Operation alles andere als geflickt.

Aber Du hast noch etwas anderes angesprochen. Was Du gerne hören würdest, was Du derzeit am allermeisten vermisst. Und was ich dazu denke.

In der Zeit, als bei Jascha die Diagnose Gehörlosigkeit gestellt worden war, lief ich mit ihm im Kinderwagen durch die Strassen und horchte, horchte, horchte nach all den Dingen, die er nicht hören konnte. Den Verkehr, die Kirchenuhr, schreiende Schulkinder auf ihren Fahrrädern. „Eigentlich“, dachte ich damals, „eigentlich ist es gar nicht so schlimm, dass er nicht hören kann. Die Welt ist voller hässlicher und aggressiver Geräusche, die es nicht der Mühe wert sind, gehört zu werden.“ Es waren die Gedanken einer verzweifelten Mutter, die versuchte, die Wirklichkeit begreifbar und fassbar zu machen.

Zuhause flüsterte ich ihm Geschichten und Lieder in seine kleinen Ohren, ganz sanft. Nichts davon hörte er. Natürlich nicht. Das wusste ich wohl. Und doch hatte ich nicht das Gefühl, dass ich etwas Verrücktes tat, denn wir kommunizierten miteinander. Die Liebe strömte einfach von meinem Körper in den seinen. Und ich wusste genau, dass er das genauso fühlte wie ich es fühlte.

Auch später, als wir die Gebärdensprache ein wenig konnten, war es nicht so schlimm, dass wir nicht miteinander reden konnten. Ich konnte ihm mit meiner zusammenfabrizierten Gebärdensprache sehr viel erzählen. Und er mir. Aber ich merkte schon, dass die Kommunikation beschränkt war. Ich merkte, dass viele Dinge, die ich ihm sagte, zweckbezogen waren. Informationen, Mitteilungen oder Fragen. Sehr selten waren es einfach Nichtigkeiten oder nur so dahingesagte Sätze oder Scherze. Auch hörte er nicht meine Quatschgespräche mit dem Bäcker, dem Metzger und den Nachbarinnen.

Ich denke, dass das vielleicht der größte Mangel ist, wenn man gehörlos ist. Dass man von seiner hörenden Umgebung vor allem Zweckgebundenes mitbekommt, Berichte, Mitteilungen, Fragen. Ich habe versucht, auch bei einfachen unbedeutenden Gesprächen Gebärden zu machen. Aber es glückte nicht und glückt bis heute nicht. Vielleicht deshalb nicht, weil man dann zuviel nachdenken muss und es dann nicht mehr unbedeutend ist. Die Plaudereien bekommen dann Gewicht, wo sie doch einfach gewichtlos sind, ohne Bedeutung, allein den Zweck haben, um die Zeit und die Luft und den Raum zwischen den Menschen zu füllen.

Ohje, ich mache mal wieder alles, um mich in eine Depression hineinzuschreiben. Aber ich weiß auch wo ich Trost finden kann. Auf einem seltsamen Platz: dem Computer. Manchmal stehe ich hinter Jaschas Schulter und schaue ihm zu, wie er chattet. Das halbe Land, vor allem die Gehörlosen, aber auch viele Hörende, klopft an des nächsten Computertüre. Gespräche mit mehr als fünf Menschen gleichzeitig sind ganz normal. Und weißt du, was mein Trost ist: es geht um überhaupt nichts. Herrlich einfach.

Aus Woord en Gebaar, Dezember 2003, Seite 19

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