Auf den Schienen, Februar 2005


                                      Auf den Schienen

Anja Hiddinga, Mutter von zwei gehörlosen Kindern, NL, (Erster Teil)

Es ist Muttertag. Heute früh bekam ich deshalb, so wie es sich gehört, Frühstück ans Bett gebracht. Eine Tasse Tee und einen Zwieback mit einer neuen Sorte Schokostreusel. Und Geschenke natürlich. Von dem Jüngeren, gerade neun Jahre alt, ein selbstgebasteltes Kunstwerk: etwas mit Enten und viel Goldglitzer. „Für Anja von Boaz“ hatte er in seiner besten Schönschrift dazugeschrieben. Wunderschön. Jascha, der dreizehnjährige, bastelt nun nicht mehr für mich. Er ist sehr dabei, ein großer Mensch zu werden und große Menschen kaufen nun einmal Geschenke. Blumen. Schmückende Gerberas, feuerrot und lachsfarben. Auch wunderschön. Es war eine ganz gewöhnliche und häusliche Szene. Ich knabberte an meinem Zwieback und fühlte mich entspannt: draußen war sommerliches Wetter, und drinnen das Leben in Ordnung.

So fängt es sich langsam an zu fühlen. Immer ein bisschen mehr werde ich wieder ein ganz normaler Mensch. Jemand, die sich Sorgen macht wegen dem kranken Hund der Nachbarin oder wegen einem Parkplatz für das Auto. Jemand, die sich Gedanken über die Zusammenstellung des Abendessens macht oder über die Politik des öffentlichen Nahverkehrs in dieser chaotischen Stadt (Amsterdam).

Nicht jemand, die gleich auf hundertachtzig springt, wenn ein gewichtiger Mensch wieder etwas Dummes über die Gebärdensprache sagt oder die sich ganz schlecht fühlt, wenn der Unterricht für die eigenen Kinder unterhalb des üblichen Niveaus ist. Einfach jemand, die sich immer häufiger sagt: Das wird schon gut werden. Oder: Dann eben nicht, wenn ihre Kinder aufgrund ihrer Gehörlosigkeit wieder einmal irgendwo nicht mitmachen können.

Es ist wohl allgemein so. Ich beobachte das auch bei Freundinnen, die völlig normale Kinder haben. Unsere Kinder werden alle größer, selbständiger. Ihr Weg durch das Leben fängt an, ein wenig eigene Spuren zu hinterlassen. Wir selbst werden älter und, hoffentlich, weiser. Besser in der Lage, mit dem Unverständnis oder mit der Dummheit und der Grausamkeit der großen Welt draußen umzugehen. Oder sind wir einfach nur milder, oder vielleicht selbst gleichgültiger geworden?

Jascha war anderthalb Jahre alt, als meine Sorgen wegen seinem Gehör bestätigt wurden. Das ist beinahe auf den Tag genau zwölf Jahre her. Ein herrlicher Tag war das, genau wie heute. Ich erinnere mich scharf an die Bilder dieses Mittags, ich weiß genau, was ich anhatte, wie die Bodenplatten vor dem Gebäude des audiologischen Instituts aussahen. Ich kann mich auch genau erinnern, bei welchen Worten ich den Boden unter meinen Füßen weggleiten sah („Was kann denn da getan werden?“ – „Nichts.“). Es war der Tag, an dem das Leben auf dem Kopf stand. Der Tag, an dem meine Welt mit einmal eine andere zu sein schien als die von meinem Kind. Als das auch mit dem zweiten Kind der Fall war, schien eine normale Existenz für immer ausgeschlossen.

Aber nun ist unsere besondere Existenz doch normal geworden. Eine Folge des weiser, milder und bequemer Gewordenseins? Oder eine Frage der Gewöhnung? Das hat sicher auch damit zu tun. In zwölf Jahren Zeit kann man sich an vieles Ungewohnte gewöhnen. Denn ungewohnt bleibt die Gehörlosigkeit schon und viele von den Problemen haben sich auch noch nicht verändert.

Was sich wohl verändert hat, das sind die zwei Jungen. Sie gehen einfach gehörlos durch das Leben, immer mehr auf ihre eigene Art und nicht auf die Art, wie ich mir das für sie gedacht hatte. Was für mich theoretische Sorgen waren, sind für sie die praktischen Probleme des Alltags, die manchmal schon und manchmal nicht gelöst werden können. Ich sehe es mit Bewunderung und stillen Stolz geschehen, wie sie das Heft zusehends mehr in die eigene Hand nehmen. Das wird schon werden, denke ich nun also, während die Welt noch genauso wenig gastfreundlich für Gehörlose ist wie vor zwölf Jahren.

Es ist ein Prozess, den alle Kinder durchlaufen, ob sie nun gehörlos sind oder nicht: sich freimachen von den Sorgen der Eltern. Nun, da Jascha und Boaz mehr und mehr ihren eigenen Weg gehen, fängt meine Situation sich mehr der von Freundinnen mit hörenden Kindern zu gleichen. Und das schafft Ordnung. Dann ist in meinem Kopf auch wieder Platz für kranke Hunde, die Parkplatzsituation, den beklagenswerten Zustand von der niederländischen Nationalelf und für so mache Sorgen dieser Welt mehr.

Ich stehe auf den Schienen, doch wohin die Gleise wohl führen?

Aus Woord en Gebaar, Juni/Juli 2001

Copyright:  Woord en Gebaar / www.woordengebaar.nl

(Es folgen in unregelmäßigen Abständen weitere Auszüge aus den Berichten von Anja Hiddinga über die Entwicklung ihrer beiden Kinder und ihre allgemeinen Gedanken, die sie seit 2001 in Woord en Gebaar in Kolumnen bzw. Briefen veröffentlicht)

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