Viel Wissenswertes auf historischem Kongress, Oktober 2003


                              Viel Wissenswertes auf historischem Kongress

Nicht gewusst, dass 1995 eine internationale Organisation von gehörlosen Piloten gegründet wurde? Und dass in Russland bereits seit 1808 eine "Gehörlosenmafia" aktiv ist. Oder dass 1830 die Schüler vom Gehörloseninstitut in Paris einen Aufstand machten gegen die Entlassung eines ihrer Lehrer. Alles interessante Fakten, die auf dem Kongreß "Deaf History International" (DHI) zur Sprache kamen, der vom 30. Juni bis 4. Juli in Paris stattfand.

(von Annemiek van Kampen und Henk Betten)

Didier Jelmini aus der Schweiz berichtete über das Leben von Isaac Etienne Chomel, den gehörlosen Direktor vom Genfer Gehörloseninstitut (1822 bis 1867). Er war Schüler des Pariser Gehörloseninstituts gewesen und war deshalb beeinflusst von den Ideen des Abbe De l´Epee, den Gründer des Pariser Gehörloseninstituts. Später heiratete er eine hörende Frau. Er benutzte Gebärdensprache und das Fingeralphabet für den Unterricht und die Fachausbildung. Mit seinem 72. Lebensjahr bekam er eine Staatspension, als Anerkennung für das, was er für den Unterricht Gehörloser getan hatte.

Der russische Sprecher Arkady Belozovsky, der zur Zeit in den USA wohnt, sprach über die Gehörlosenmafia in Russland, die schon seit 1808 in Russland aktiv ist. Die wichtigste Triebfeder ist: Überleben, meistens auf Kosten anderer Menschen.

Patricia Raswant erzählte interessante Einzelheiten über "Ixarette", das ist das türkische Wort für "Gebärdensprache". Auf Befehl eines Sultans wurden vor Jahrhunderten Gehörlose und Zwerge von der türkischen Armee in das Osmanische Reich mitgenommen nach Istanbul. Dort durfte im Topkapi-Palast ausschließlich in Gebärdensprache kommuniziert werden!

Auf dem Kongreß wurde auch über gehörlose Maler referiert. Cristoforo de Predis soll ein Lehrer von Leonardo da Vinci gewesen sein. Die Personen auf manchen Gemälden vom letztgenannten Maler zeigen bewegliche Haltungen, woraus geschlossen werden kann, dass Leonardo tatsächlich beeinflusst war durch die Gebärdensprache seines Lehrers. Das behaupteten wenigstens die gehörlosen Referenten Roberto Rossetti und Anna Folchi während ihres Vortrags.

Viele glauben, dass das Fingeralphabet vom spanischen Mönch Ponce de Leon eingeführt wurde. Wie Rouzbeh Ghahreman aus dem Iran berichtete, waren Gebärdensprache und das Fingeralphabet bereits um das Jahr 700 in Jemen bekannt, sie wurden von den Mauren aus dem Mittleren Osten ins nördliche Afrika mitgenommen, und schließlich dann nach Spanien. Arabische Menschen hatten schon vorher versucht, das Fingeralphabet "Aqd-ul-anamel" zu entwickeln. Das war die Einführung des Fingeralphabets, und diese Kenntnis wurde durch Bücher von Muslimen nach Andalusien verbreitet, dem modernen Spanien und von dort in andere europäische Länder.

Deaf President Now, die Kampagne, in der gehörlose Studenten der Gallaudet Universität 1988 für die Anstellung eines gehörlosen Rektors kämpften, war nicht der erste Studentenprotest in der Gehörlosenwelt. Die Schüler des Gehörloseninstituts von Paris taten es 1830 für ihren Lehrer Bebian. Bebian war hörend, aber er sprach fließend Gebärdensprache. Er verkehrte viel mit den Schülern der L´Epee Schule in Paris und auch mit seinen gehörlosen Kollegen. Als ein Mitglied der königlichen Familie zu Besuch in der Schule war, machte der Direktor eine Rundführung. Er wollte nicht, dass der königliche Besuch die Schüler zu Gesicht bekommt und erfand Ausreden, um sie zu verstecken. Dies tat er, weil die Schüler schlecht gekleidet waren und sie ungesund aussahen. Der Besucher hätte sonst gemerkt, dass nicht gut für sie gesorgt werde. Bebian wurde darüber wütend und verriet es dem Besucher. Nach einer Reihe von Konflikten wurde Bebian vom Direktor entlassen. Die Schüler begannen eine Protestaktion und überreichten gemeinsam mit einem gehörlosen Lehrer, Berthier, eine Petition beim französischen König Ludwig. Drei der Schüler wurden von der Schule verwiesen. Der Protest nutzte übrigens nichts: Bebian durfte nicht an die Schule zurückkommen.

Am letzten Tag des Kongresses gab es eine Führung und vier Vorträge im Institut INJS (Institut National des Jeunes Sourds) in Paris. Dieses Institut, die erste öffentliche Gehörlosenschule, wurde 1712 von Abbe L´Epee gegründet. Den ersten Vortrag hielt Henk Betten. Er hatte 30 Briefe mit einer Frageliste über den Gehörlosenunterricht an europäische Regierungen verschickt, um Informationen darüber zu erhalten, wie der Einfluß von Abbe L´Epee auf den europäischen Gehörlosenunterricht aussieht. Dann gab es noch einen Vortrag über einzelne, einflussreiche Menschen wie Laurent Clerc, der 1817 der erste gehörlose Lehrer in Amerika wurde. Clerc hatte seit seinem zwölften Lebensjahr auf der Schule von Abbe L´Epee gesessen und wurde von Thomas Hopkins Gallaudet nach Amerika mitgenommen. In Hardford errichteten sie eine Gehörlosenschule.

Neben dem Kongreß gab es auch einen Auftritt vom International Visual Theater (IVT), eine sehr bekannte Theatergruppe in Frankreich. Diese Tragödie machte deutlich, wie es den Schülern im Gehörloseninstitut zwischen 1890 und 1975 ergangen ist. Wie ihre Interaktion mit den strengen Dozenten war. Die Schüler gebärdeten ausgiebig miteinander und piesackten sich ab und zu. Auch die Dozenten. Manchmal bekam die falsche Person Strafe von der strengen Lehrerin, weil diese dem Streit überhaupt nicht hatte folgen können. Die Strafe war damals eine Tracht Prügel oder das lange Stehen in einer Ecke. Es war manchmal so, dass man lachen musste, aber es war auch traurig.

Gestern, heute und morgen...

(von Onno Crasborn und Victoria Nyst)

Der Besuch eines internationalen Kongresses über Deaf History ist nicht das Nächstliegende für einen Sprachforscher. Die Tatsache, dass einige der Unterzeichnenden Gebärdensprache erforschen, machte uns den Besuch des Deaf History International 5 (DHI 5) im Juli in Paris schon annehmbarer. Eine gute Gelegenheit, um unsere Kenntnisse von Internationalen Gebärden ein wenig aufzufrischen, die eine oder andere Gebärde der Langue de Signes Francaise (LSF) mitzunehmen, und, nicht zu vergessen, die Füße vom (Standbild von) Abbe de L´Epee zu küssen, den berühmten Gehörlosenlehrer aus dem 19. Jahrhundert.

Beim Hereinkommen stießen wir auf ein mannshohes Poster mit dem Text "le plaisier d´attendre" ("wie schön, hörend zu sein"), eine etwas befremdliche Begrüßung auf einem Gehörlosenkongreß. Anschließend wurden wir untergetaucht in einem Gebärdenbad. Nun sind wir zwar schon einiges an Gebärden gewohnt durch den Umgang mit unseren gehörlosen Kollegen, doch als wir in den Kongresssaal hineingingen, schienen wir die einzigen Hörenden zu sein und wagten es kaum mehr, mit unserem Mund zu sprechen.

Wir kamen gerade recht zum ersten Vortrag von Rouzbeh Ghareman. Dieser Iraner erzählte uns, dass das alte spanische Handalphabet, dass die Basis bildet für viele andere Handalphabete, unter anderem das der NGT (Nederlands Gebaren Taal), seine Wurzeln im Iran des 16. Jahrhunderts hat. Ein Teil der Gebärdensprache ist demnach noch älter, als wir schon wussten, und diese Geschichte vom Handalphabet machte sehr neugierig auf weitere Berichte aus der Geschichte: stammt vielleicht auch ein Teil der Gebärdensprache selbst aus dem mittleren Osten, ein paar Jahrhunderte früher?

Oft wurde unsere Aufmerksamkeit bei einem Vortrag abgelenkt durch die Vielzahl von Gebärdensprachen auf dem Dolmetscherpodium und die daraus folgende komplexe Situation. Ein Vortrag über (sehr viele) russische Maler in Russisch mit Gebärden (RmG) entfesselte ein wahres Dolmetschdomino. RmG wurde ins gesprochene Englisch übersetzt, das wiederum in gesprochenes Französisch. Einige Dolmetscher hörten auf das Englisch, einige auf das Französisch. Der gehörlose Dolmetscher für die Internationalen Gebärden musste auf eine LSF - Version warten. Das alles erinnerte etwas an das Spiel "Stille Post", in dem ein Satz wie "Die Katze kratzt die Fusseln von der Treppe" sich manchmal verändert in "Meine Mutter mag keinen Spinat".

Eine andere interessante (aber nicht gerade fröhliche) Geschichte kam von einem "native American", der von der erzwungenen Assimilation von gehörlosen Indianerkindern auf den Gehörlosenschulen in Amerika berichtete: ihnen wurde ASL beigebracht und gesagt, dass sie ihre eigene Indianergebärdensprache vergessen sollten. Inzwischen haben die Navajo - Indianer ihr eigenes zweisprachiges Unterrichtsprogramm entwickelt.

Mit Stolz können wir anmerken, dass eine der besten Präsentationen von niederländischem Boden kam: anhand von historischen Briefwechseln berichtete Corrie Tijsseling, wie es im 19. Jahrhundert in Groningen war, gehörlos zu sein.

Einer der Vorträge hatte den nichtssagenden Titel "Gestern, heute und morgen..." (der Vortrag befasste sich mit gehörlosen Artisten in Frankreich), ein Titel, der jedoch sehr treffend die gesamte Atmosphäre des Kongresses beschreibt; obwohl der Kongreß namentlich sich mit der Geschichte befasste, atmete er Optimismus und Vorausschauen…

(aus Woord en Gebaar, Niederländische Zeitung für Gehörlose, Nr. 7, Sept. 2003, S. 22 und S. 23, übersetzt aus dem Niederländischen von Uwe)

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